
Wenn Emotionen übernehmen: Warum wir manchmal überreagieren
Ein Blick aus der Praxis
Es sind oft die kleinen Momente im Arbeitsalltag, die eine große Wirkung haben. Eine beiläufige Bemerkung, ein Missverständnis im Meeting und plötzlich reagiert man emotionaler oder schärfer, als man es eigentlich wollte. Viele Menschen erleben genau das. Sie überreagieren, obwohl sie sich fest vorgenommen hatten, souverän zu bleiben. Später folgt der innere Vorwurf: „Warum habe ich so heftig reagiert? Das bin doch gar nicht ich.“ Nicht selten nimmt man dieses Gefühl mit nach Hause und schläft schlecht.
Ein Beispiel aus meiner Praxis (anonymisiert)
Vor einigen Wochen kam eine Klientin zu mir, die in einem kleineren Unternehmen arbeitet. Sie ist engagiert, übernimmt zusätzliche Aufgaben und möchte bald den nächsten Karriereschritt machen. In einem hektischen Moment während eines Teammeetings sagte ein Kollege ganz beiläufig:
„Du wirkst heute aber gestresst.“
Ein kleiner Satz, der sie jedoch mitten ins Herz traf. Sie fühlte sich ertappt, bewertet und irgendwie „nicht gut genug“. Noch bevor sie bewusst reagieren konnte, rutschte ihr ein gereizter Kommentar heraus. Die Stimmung kippte sofort.
„Ich streng mich so an, und dann passiert mir so etwas“, sagte sie später.
Der Satz ließ sie den ganzen Abend nicht los. Sie grübelte, schämte sich und schlief schlecht. Ein typisches Beispiel für den inneren Stresskreislauf, der so viel Leid verursacht.
Warum entstehen solche Überreaktionen?
Diese reflexhaften Momente haben selten etwas mit „fehlender Selbstbeherrschung“ zu tun. Sie entstehen, wenn das Nervensystem überlastet ist und schneller reagiert, als wir bewusst denken können. Leistungsdruck, das Gefühl, sich beweisen zu müssen, ständige Anspannung oder auch alte Stressmuster spielen dabei eine große Rolle. Unser Nervensystem merkt, wenn es am Limit ist und dann kommt es zu einer natürlichen Entladung.
Diese kann sich sehr unterschiedlich zeigen:
- indem wir etwas auf den Tisch knallen,
- verbal zurückschießen,
- lauter werden,
- oder auch weinen.
Eigentlich sind das gesunde Anzeichen, denn gestaute Energie findet endlich einen Weg nach außen. Für unser Nervensystem ist das eine Form der Selbstregulation. Im Berufsalltag möchten wir diese absolut menschlichen Reaktionen jedoch vermeiden oder besser regulieren. Nicht, weil sie „falsch” wären, sondern weil sie langfristig zu echten Schwierigkeiten führen können. Gerade Führungskräfte müssen solche Reaktionen im Griff haben. Je höher die Verantwortung, desto sensibler reagiert das Umfeld. Mitarbeitende brauchen Sicherheit, Klarheit und Verlässlichkeit. Wenn eine Führungsperson schnell impulsiv wirkt, entsteht leicht das Gefühl von Unsicherheit. Niemand möchte mit jemandem arbeiten, bei dem man nie weiß, wann die nächste „Minenexplosion“ passiert.
Ein Tipp aus der Praxis: Schick die Luft beim Ausatmen gedanklich bis in deine Füße.
Wenn du merkst, dass dich etwas triggert, baue bewusst ein oder zwei tiefe Atemzüge ein und schick die Atemluft gedanklich bis in deine Füße.
Warum das so kraftvoll ist:
- Die Aufmerksamkeit löst sich vom Stressor, der gerade die Emotion auslöst.
-
- Der Körper bekommt ein klares Signal von Sicherheit, denn tiefes Atmen ist nur möglich, wenn wir nicht akut bedroht sind.
So steigst du am schnellsten aus der automatischen Stressreaktion aus und gewinnst wieder Handlungsspielraum.
Gelassenheit ist übrigens keine angeborene Eigenschaft. Sie ist eine Fähigkeit, die wir trainieren können.
Unterstützung bei diesem Thema
Überreaktionen sind kein persönliches Versagen, sondern ein Zeichen eines überlasteten Nervensystems. In entscheidenden Momenten kann ein tiefer Atemzug, der bis in die Füße wandert, den Unterschied machen. Wenn das Atmen einmal nicht hilft, bedeutet das nicht, dass alles hoffnungslos ist. Es ist nur ein Zeichen dafür, dass man an dieser Stelle genauer hinschauen sollte. Veränderung ist immer möglich, aber manchmal braucht es Unterstützung, um die eigenen Stressmuster besser zu verstehen und neue Wege im Umgang damit zu finden.
In meinem Coaching „GedankenWende“ begleite ich Menschen bei genau solchen Herausforderungen. Übrigens war es für meine Klientinnen überraschend, dass sich das Coaching auch positiv auf ihren Familienalltag auswirkte – ein Gewinn, der ihr im Nachhinein sogar noch wichtiger war.
Wer hier schreibt
Ich bin Carmen – Heilpraktikerin für Psychotherapie und Achtsamkeitslehrerin (MBSR & MBCT).
Seit vielen Jahren begleite ich Menschen dabei, einen gesünderen Umgang mit Stress, Sorgen und innerer Anspannung zu entwickeln.
In meiner Praxis habe ich immer wieder erlebt, wie belastend Grübelschleifen, Mental Load und dauerhafte Überforderung werden können – besonders für Frauen, die im Alltag viel Verantwortung tragen.
Auch aus eigener Erfahrung kenne ich diese Situation. Als Mutter von zwei kleinen Kindern geriet ich selbst einmal in eine Phase tiefer Erschöpfung. Diese Erfahrung hat meine Arbeit nachhaltig geprägt.
Heute ist es mir ein großes Anliegen, Frauen dabei zu unterstützen, wieder mehr innere Ruhe, Gelassenheit und Vertrauen in sich selbst zu entwickeln – bevor Stress und Überforderung zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führen.
Auf meinem Blog teile ich Impulse aus der Achtsamkeit, der achtsamkeitsbasierten kognitiven Therapie (MBCT) und meiner therapeutischen Arbeit.




